Das Drama im Hundehof Can Dog auf Ibiza

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In Ibizas größter Hundeauffangstation herrschen laut Zeugenaussagen katastrophale Zustände. IbizaHEUTE ist den schwerwiegenden Vorwürfen auf den Grund gegangen.

Im Ferienparadies Ibiza herrscht eitel Sonnenschein und Partylaune bei den Menschen. Viele Tiere hingegen führen ein elendes Leben und gehen buchstäblich vor die Hunde. Die wichtigste Auffangstation Rancho Can Dog bei San Joan ist aktuell massiv in Verruf geraten. Vom Rathaus Santa Eularia wurde ihr der Vertrag über das Ausüben ihrer Tätigkeit gekündigt. Gegen den Betreiber laufen mehrere Gerichtsverfahren. Tierschutzorganisationen laufen Sturm. Insider berichten von Chaos und katastrophalen Zuständen in der Hundestation. 

„Es ist zum Heulen“, sagt Norbert Wolter, der sich als Tierschützer seit vielen Jahren für Ibizas Streunerhunde einsetzt. In Can Dog, einer kommerziell betriebenen und von den Gemeinden der Insel finanziell geförderten Station in der Geschäftsform einer S.L. (entspricht der deutschen GmbH) „kümmert man sich wenig um die eingefangenen Hunde, lässt die Tiere bisweilen in dunklen Verschlägen in ihren Exkrementen dahin vegetieren. Ab und an kommt ein Mitarbeiter und spritzt den ganzen Mist mit einem Schlauch aus den Zwingern und manchen dunklen Ställen, so dass die Hunde damit bespritzt werden. Dann stinkt es auf dem ganzen Gelände fürchterlich“, berichtet Norbert. „Ich habe in der Vergangenheit mehrfach selbst miterlebt, wie Pepe (Pepe Aranda, der Betreiber der Station; Anm. d. Red.) neu eingefangene, völlig verängstigte Hunde mit einem Schlingenseil aus dem Hundefängerwagen über den Hof zu ihren Verschlägen gezerrt hat, so dass sie dabei hätten erdrosselt werden können.“ Mehrfach hat Norbert Wolter damals Hausverbot bekommen, als er immer wieder diese Missstände angesprochen hat und den Hunden helfen wollte. „Ich habe noch heute Hausverbot in Can Dog und muss nun andere Wege finden, den Hunden zu helfen.“

„Nicht gefügige Hunde landen in ,Guantanamo‘“

Petra, Tierschützerin

Zahlreiche Augenzeugen, Volontäre (freiwillige Helfer), ehemalige Mitarbeiter, Tierschutzorganisationen und Personen, die täglich mit Can Dog zu tun haben, bestätigen gegenüber IbizaHEUTE die schlimmen Zustände. So auch Petra*. „Da gibt es Ställe, die kein Besucher zu Gesicht bekommt. In unserem Insider-Jargon nennen wir sie ,Guantanamo‘, also eine Art Gefängnis, wohin nicht gefügige Hunde weggesperrt werden“, erzählt Petra. Beziehungsweise weggesperrt wurden. Denn seit Can Dog Mitte Februar 2023 der Auftrag von Santa Eularia entzogen wurde, ist relative Ruhe auf Can Dog eingekehrt. Das heißt: die meisten Augenzeugenberichte unserer Informanten betreffen die Vergangenheit. Petra und ihre Tierschützer-Kollegen hoffen, dass es in Can Dog nie wieder so zugehen werde wie beschrieben. „Hoffentlich bekommt Pepe bei der anstehenden Neuausschreibung keinen Zuschlag mehr“, so die Tierschützerin.

Anhängige Gerichtsverfahren

Derzeit befinden sich noch rund 80 Hunde auf Can Dog, früher waren es mal bis zu 270. Von den 80 seien 15 seine eigenen, wie Pepe Aranda beim Ortsbesuch IbizaHEUTE gegenüber erzählt (siehe „Ortsbesuch mit Widersprüchen“). 45 Hunde seien eingefangene Streuner, der Rest Pensionsgäste, also Hunde, die ihm während der Abwesenheit ihrer Besitzer gegen Geld zur Betreuung überlassen werden.

Ein solcher Hund war auch Duschka, der während seines Aufenthaltes auf Can Dog starb. Die Besitzerin zeigte Can Dog an; es ist eines von mehreren juristischen Verfahren, die derzeit anhängig sind. Ein weiteres laufendes Verfahren wurde von einer von Pepes früheren Sekretärinnen ausgelöst. Sie zeigte ihn an, weil Pepe Aranda gegen sie handgreiflich geworden war, wie uns von den Volontären bestätigt wurde.

Mehrere weitere anhängige Prozesse basieren auf Anzeigen der „Fundación contra el Maltrato de Animales“ (Gemeinschaft gegen Tiermisshandlung), vor allem wegen Tierquälerei und der unhaltbaren Zustände auf Can Dog. Die Anwälte der Fundacion stützen sich dabei im Wesentlichen auf eine Dokumentation mit zahlreichen Fotos und Videos, die der Fundación (und zum Teil auch IbizaHEUTE) von Tierschützern zur Verfügung gestellt wurden.

„Die Tiere werden in Can Dog nicht angemessen behandelt, es fehlt an Futter und Wasser.“

David Velàzquez, Anwalt

Einer der Anwälte, David Velàzquez, bestätigte gegenüber IbizaHEUTE mehrere Anzeigen gegen Can Dog, die beim Consell d’Eivissa erstattet worden seien. „Es geht um ernsthafte Anschuldigungen gegen Can Dog, vor allem wegen der Behandlung der Tiere und der Zustände in dem Tierheim,“ erklärt Velàzquez. „Die Tiere werden dort nicht angemessen behandelt, es fehlt an Wasser und Futter in den Gefängnissen.“ (Ja, er sagte tatsächlich Jail, also Gefängnis). Schon 2021 seien die ersten Anzeigen erstattet worden. Es folgten weitere, unter anderen der Fall Duschka. „Die Prozesse hatten immerhin zum Ergebnis, dass Can Dog einschneidende administrative Auflagen gemacht wurden. So wurde das Tierheim verpflichtet, durch einen amtlichen Veterinär alle zwei Wochen einen Zustandsbericht erstellen zu lassen sowie wöchentliche Inspektionen durch die Inselregierung zuzulassen“, so der Anwalt. Bei Nichteinhaltung drohten Sanktionen. Was Pepe Aranda wohl nicht sehr ernst nahm. Denn die Zustände hätten sich seither kaum gebessert, erklärt Velàzquez. Die darauf folgenden Anzeigen hätten sich dann um die Nichteinhaltung der Auflagen gedreht. 

Anfang 2023 gab es dann verstärkt negative Presse über Can Dog: Im Februar berichteten lokale Medien über zahlreiche Unregelmäßigkeiten in dem Tierheim, über unangemeldete Kontrollen seitens des Rathauses Santa Eularia und über die Guardia Civil, die zahlreiche Hunde aus den Käfigen rettete und an das Tierheim Natura Parc mit Sitz auf Mallorca und einer kleineren Dependance auf Ibiza überstellte. Allerdings kamen nicht alle Hunde dort an. Vermutlich wurden einige von Tierschützern entführt beziehungsweise gerettet – denn auch im Natura Parc gehe es den Hunden laut Aussagen von Tierschützern nicht viel besser.

Mangelnde medizinische Versorgung

Uschi*, eine weitere frühere Can Dog-Volontärin, beschreibt das übliche Prozedere, wenn ein streunender Hund in Can Dog ankommt. „Pepes Auftrag ist es nun, diese Hunde so schnell wie möglich für eine Adoption vorzubereiten, damit sie Can Dog bald wieder verlassen können. Für das Einfangen eines Hundes bekommt Can Dog zwischen 60 und 80 Euro, je nach der Gemeinde, wo er gefangen wurde. Dann gibt es von der Gemeinde drei Euro pro Tag und Hund für Futter und Unterhalt. Nun müsste Pepe eigentlich einen Tierarzt konsultieren, der den Hund auf Krankheiten untersucht, ihn kastriert und chipt. Denn nur ein gesunder, gechipter und kastrierter Hund darf an ein neues Herrchen oder Frauchen übergeben werden“, erläutert Uschi.

Doch da beginnen die Probleme: Zwar arbeiten die Tierärzte der Insel günstig für die Tierheime, aber auch sie kosten Geld. „Allein schon die Blutuntersuchung auf die üblichen Mittelmeerkrankheiten kostet 100 Euro. Die Erstbehandlung der am weitesten verbreiteten Leishmaniose schlägt dann mit 300 € zu Buche, und dann noch monatlich fünf € für das benötigte  Medikament. Und wenn die Krankheit wie üblich sehr lange dauert, meist sogar lebenslang, kann das richtig teuer werden. Diese von der Sandmücke übertragene Krankheit haben in Spanien sehr viele Hunde, von den Streunern, die auf Can Dog ankämen, fast alle“, schätzt Uschi.

Dieses Geld für die Behandlung der Hunde auszugeben, scheue sich das Tierheim aber. „Unbehandelt gegen diese Krankheit geht es den Hunden schlecht, sie vegetierten leidend dahin und sterben irgendwann“ so Uschi weiter. Pepe Aranda wäge stets ab, was für seine Firma günstiger sei: Die drei Euro pro Tag so lange wie möglich zu kassieren, oder in die Gesundheit des Hundes zu investieren, um ihn dann teuer wieder abzugeben. „Da Pepe Ex-Streuner nicht verkaufen darf, werden diese gegen eine satte ,Spende‘ an die neuen Besitzer abgegeben. Oder es sticht das dritte Geschäftsmodell: Der Hund wird zur Zucht herangenommen“. Ja, Pepe Aranda hat auch die Lizenz zum Züchten. „Ich habe damals einige Hündinnen gesehen, wahre Brutmaschinen, die kurz nach dem Wurf wieder geschwängert wurden, so lange, bis ihnen die Zitzen fast am Boden schleiften. Und wenn sie nicht mehr zur Zucht taugen, dann werden sie ausgesondert“, berichtet Norbert Wolter.    

Es fehlt an Futter, sauberen Käfigen und Matratzen

Dass Pepe überhaupt Hunde züchten darf, versteht die ehemalige Can Dog-Volontärin Renate*überhaupt nicht. „Es gibt doch schon viel zu viele Hunde auf der Insel, und hier werden mit behördlicher Zustimmung immer noch weitere ,produziert’.“ In drastischen Worten schildert Renate, wie es auf Can Dog zuging. „Viele Hunde werden in viel zu kleinen Käfigen eingesperrt, bekommen viel zu wenig Futter und Wasser, und sonntags sogar überhaupt nichts.“ Auch sie bestätigt, dass die Käfige verdreckt und voller Bakterien seien. „Dass die Hunde hier krank werden, ist kein Wunder. Ehemalige Pferdeställe ohne Fenster und Licht wurden in Hundebehausungen umfunktioniert, oft fehlt ein Körbchen oder Matratzenlager, so dass die Hunde auf dem nackten, dreckigen Zementboden schlafen müssen. Die Verschläge werden selten gereinigt und die Hunde bekommen kaum Auslauf. Wenn wir Volontäre das nicht täten, kämen die Tiere praktisch nie ans Tageslicht oder ins Freie,“ so Renate. „Es tut mir jedesmal in der Seele weh, wenn ich einen Hund nach dem Auslauf wieder in den Käfig sperren muss.“ 

„Einmal habe ich in einer Kühltruhe tote Hunde gefunden, so dass ich mich fast übergeben hätte.“

Renate, ehemalige Volontärin

Sie habe so schlimme Dinge erlebt und gesehen, die sie sich nicht zu erzählen getraue. „Einmal habe ich in einer Kühltruhe tote Hunde gefunden, so dass ich mich fast übergeben hätte.“ Sie erzählt von Pitbulls, die volle drei Wochen nicht aus ihren Käfigen kamen und von Hunden, die vor Hunger und Durst starben. Weiter berichtet Renate von dauerndem Streit mit Pepe Aranda, wenn die Volontäre versuchten, mehr für die Tiere zu tun, ihnen zum Beispiel heimlich eine kleine Extra-Ration Futter zu geben. „Mit dem Hinweis, die Hunde hätten genug zu fressen, nahm er uns das Futter weg, schrie uns an und beschimpfte uns. Ständig wechseln die Mitarbeiter und Volontäre, weil sie es nicht aushalten oder Pepe sie rausschmeißt.“ Renate hielt es bis Ende Oktober 2022 aus. Dann wechselte sie zu 4 Patas Mallorca, einem Tierheim auf der Nachbarinsel, das mit Can Dog zusammenarbeitet und ab und zu Hunde von dort übernimmt. Auch, um sie aus ihrem Elend zu befreien.

Administratives Chaos und mangelnde Transparenz

Genau das tat eine Kollegin Renates mit Guapo, einem verwahrlosten, abgemagerten Pitbull, den sie schließlich selbst adoptierte und ihm damit, wie sie sagt, das Leben rettete. Dieses Glück sei leider viel zu wenigen Hunden beschieden. Renate bemängelt vor allem das Fehlen jeglicher Transparenz in der Firma. „In der Buchhaltung herrscht Chaos, vor allem, seit die Sekretärinnen ständig wechseln. Keiner weiß genau, wie viele Tiere auf der Ranch gerade leben, welche in Pension sind, welche verkauft, weggegeben, gestorben oder zur Zucht verwendet wurden.“ Selbst Pepe Aranda habe meist den Überblick über seinen Bestand verloren. Die Homepage, auf der Hunde zur Adoption angeboten werden, werde kaum gepflegt und sei nie aktuell.

Auch Giulia Metitore hat keinerlei Verständnis dafür, dass auf Can Dog praktisch wie am Fließband neue Hunde „produziert“ würden. Die ehemalige Can Dog-Volontärin erzählt, „wie Pepe eine große Bulldogge auf eine viel kleinere, abgemagerte Hündin anderer Rasse gesetzt hat. Das war für die arme Hündin Stress pur.“ Nicht nur, dass dieses Kreuzen zweier total verschiedener Rassen und Größen gegen jedes Züchter-Ethos verstoße, „war das für die Hündin ein lebensgefährlicher Horror mit anschließendem Trauma während der Schwangerschaft“, sagt Giulia und erzählt verständnislos von einer „Welpen-Fabrik“, wo praktisch grenzenlos neue Hunde in die Welt gesetzt wurden.

Aus ihrer Sicht wurden die Volontäre, die alle nebenbei einen Vollzeitberuf hätten und nur an drei Tagen die Woche je drei Stunden (von 11 bis 14 Uhr) freiwillig und ohne Bezahlung dort aushelfen dürften, von Pepe Aranda nicht unbedingt schlecht behandelt, allerdings sei die Situation oft schon ziemlich angespannt gewesen. so ihr persönlicher Eindruck. Ihre Kolleginnen sehen das etwas anders und berichten, sie seien dort meist nicht gern gesehen, oft beschimpft oder sogar angegangen worden, gegen eine sei er sogar tätlich geworden.

Foto- und Filmverbot für Mitarbeiter

„Auf Can Dog ist es den Volontären und Mitarbeitern verboten, Fotos und Videos zu machen“, offensichtlich aus gutem Grund, berichtet Giulia. Guantanamo und die anderen Problemzonen seien für alle tabu, nur Pepe und seine Helfer dürften dort hin. Eigentlich müsse Pepe doch froh sein, freiwillige, kostenlose Helfer zu haben. Aber im Grunde war er fast immer gegen sie, da ihm behördlicherseits aufgezwungen worden war, Volontäre zuzulassen. „Zu mir ist Pepe aber meist nett gewesen. Ich habe andere Tierheime wie Sa Coma bei Ibiza Stadt oder Can Gossos bei Sant Rafael gesehen und wollte Pepe überreden, mit mir dort hinzugehen, damit er mal mitbekommt, wie ein gutes Tierheim aussieht und funktioniert. Aber Pepe hat das immer kategorisch abgelehnt“, bedauert Giulia.

Großen Wert legt Giulia auf die Feststellung, welch entscheidende Rolle einerseits das Rathaus von Santa Eularia bei all dem spielte, andererseits aber auch die allgemeine Mentalität auf der Insel. „Pepe hätte niemals erlaubt werden dürfen, so weit zu gehen. Das ist alles so schief gelaufen, weil es ihm erlaubt wurde. Sie gaben ihm die Lizenz zum Züchten, gaben ihm Geld, um immer so weiter machen zu können und so weiter. Und nur die Tierschutz-Vereinigungen und Anzeigen konnten das Rathaus schließlich dazu bringen, die Dinge ernster zu nehmen“, so Giulia. Ihr Fazit: „Wir dürfen nicht nur mit dem Finger auf Can Dog und Pepe zeigen, sondern auch darauf, dass es die Aufgabe der politisch Verantwortlichen ist, die Allgemeinheit in Richtung eines anderen Ansatzes im Tierwohl zu sensibilisieren.“

Eine weitere Volontärin, die bereit war, mit IbizaHEUTE zu sprechen, ist Stephanie Werner. Im Gespräch mit IbizaHEUTE bestätigt sie sämtliche schlimmen Schilderungen ihrer Kolleginnen, hat aber selbst noch haarsträubendere Erlebnisse preiszugeben: „Einmal wurde ein Hund in Can Dog in Pension gegeben, weil der Besitzer verreisen musste. Als sein Flug gecancelt wurde und er zu seinem Haus zurückfuhr, hat er den Hund in seinem Garten an einem Baum festgebunden vorgefunden.“ Wie es dem armen Tier ergangen wäre, wenn der Besitzer nicht gleich zurückgekommen wäre, mag sich Stephanie gar nicht ausmalen.

„Ein anderes Mal hat Pepe einen Hundebesitzer, der seinen Hund in Can Dog abgegeben hatte, gefragt, ob er gut versichert ist. Auf die Frage ,warum?‘ sagte Pepe, der Hund habe das komplette Interieur seines Autos zerstört und zum Teil gefressen. Es kam heraus, dass Pepe den Pensionshund in dem Fahrzeug eingesperrt hatte und daraufhin Geld für den Schaden wollte. Wie es dem fremden Hund nach dieser unbekömmlichen Mahlzeit ging, war ihm ziemlich egal“, so Stephanie. Da die Volontäre am Wochenende nicht kommen dürften, bekämen die Tiere an Sonntagen grundsätzlich kein Futter und kein Wasser, obwohl Pepe Aranda und einige Mitarbeiter auch am Wochenende dort wohnen. „Da alle Hunde durch die schlechte Haltung sehr gestresst sind, kommt es oft vor, dass sie ihre Wasserschüsseln umwerfen, wenn sie an den Gitterstäben hochspringen. Wenn dies am Samstagabend passiert, haben sie dann bis Montag früh kein Wasser“, berichtet Stephanie.

Ab Dezember 2022 spitzte sich die Lage weiter zu

Ab Dezember 2022, als sich die Probleme mit dem Rathaus Santa Eularia, der Kündigung des Vertrages, den verstärkten Kontrollen und der schlechten Presse zuspitzten, wurde die Atmosphäre auf Can Dog nach und nach immer angespannter. Die Volontäre durften bald die verschiedenen Bereiche, in denen die Hunde im Zwinger saßen, nicht mehr betreten, um die Tiere spazieren zu führen – sie wurden ihnen von den Helfern gebracht. Ab April 2023 durften die kritischen Volontäre dann gar nicht mehr kommen. „Da waren Hunde dabei, die in ihrem Leben noch nie draußen waren. Sie waren so verstört, dass sie sogar vor einem Busch Angst hatten“, sagt Stephanie. „Pepe hatte rund 60 Privathunde, die er zur Zucht einsetzt und als Brutmaschinen missbraucht. Viele von denen werden dort geboren und verlassen ihr Leben lang nie den Zwinger“, so die Ex-Volontärin. 

„Und die zur Stubenreinheit erzogenen Pensionshunde, die nicht ins Freie gelassen wurden, haben oft eine Woche lang kein Geschäft im Käfig gemacht. Ihr Darm war prall gefüllt, und als sie endlich abgeholt wurden, haben manche im Freien sofort riesige Haufen hinterlassen.“ Und das, obwohl die Besitzer der Hunde extra Geld dafür bezahlten, dass die Hunde Gassi geführt würden und ihnen das von Pepe auch zugesichert worden sei. „Manche Hundebesitzer haben jeden Tag dort angerufen und nachgefragt, ob auch alles in Ordnung sei, was ihnen auch täglich von Seiten Can Dog zugesichert wurde. Die Besitzer haben die Hunde danach zum Tierarzt gebracht, und dort wurde bestätigt, dass ihr Darm komplett voll war“, empört sich Stephanie.

Alle unsere Informanten bemängeln, dass das Rathaus in Santa Eularia vor all dem die Augen verschließe. Seit 20 Jahren müsse sich auf Can Dog etwas ändern, aber es tue sich nichts. Ständig gebe es ein Zuständigkeits-Gerangel zwischen Can Dog, dem Rathaus, den amtlichen Veterinären und den Tierschützern, wenn diese zum Beispiel einen kranken Hund aus Can Dog in die Praxis brächten. Niemand fühle sich zuständig und wolle für die Kosten der Behandlung aufkommen, so dass diese meist an den Tierschützern hängen blieben. Auch sei die verantwortliche Abteilung für Umwelt beim Rathaus Santa Eularia ständig unterbesetzt, die Sachbearbeiter wechselten häufig und hätten meist wenig Interesse am Tierwohl. Sie seien auch für so viele andere Dinge wie beispielsweise Dixi-Klos am Strand zuständig, dass man einfach laufen lasse, was in ihren Augen einigermaßen läuft. In dieses Bild passt auch, dass die Abteilung für Umwelt im Rathaus von Santa Eularia trotz dreimaliger Bitte um ein Gespräch oder eine Stellungnahme bis Redaktionsschluss nicht auf die Anfrage von IbizaHEUTE reagiert hat, ebenso kam auch keine Antwort vom zuständigen Veterinär beim Consell d’Eivissa (Sollte nach Redaktionsschluss noch eine Reaktion kommen, werden wir sie auf IbizaHEUTE online oder im nächsten Heft nachreichen.)

Vorbildliche Tierheime auf Ibiza

Petra, unsere erste Informantin, konzentriert sich jetzt auf die anderen Tierschutz-Institutionen auf der Insel. Lobende Worte findet sie für DUO und ihre deutschen Betreiber, aber auch einige andere Einrichtungen dieser Art. Als da wären Can Gossos bei San Rafel, das von der Schweizer Milliardärin Gigi Oehri unterhalten werde. Oder etwa Tini (Tiere in Not Ibiza, bei San Josep) des deutschen Ehepaares Novotny. „Dort führen die Hunde ein wahres Luxusleben auf einem großen, gepflegten Gelände. Alles ist picobello sauber und die Hunde haben sogar einen eigenen Pool“, schwärmt Petra. Aber auch die privaten Initiativen von Tierfreunden, die sich ohne Firma und Lizenz „einfach so“ um vernachlässigte Tiere auf der Insel kümmerten, findet sie großartig und lobenswert.

Die Wunschvorstellung aller unserer Informanten ist ein neues, staatliches Tierheim auf der Insel, das von den Gemeinden getragen und finanziert werde. Es müsse sauber und gepflegt sein, professionell und nach Tierschutz-Standards geführt werden, mit engagierten Mitarbeitern und eigenem Tierarzt. Dort müsse Transparenz herrschen und es sollte von den Tierschutzorganisationen kontrolliert werden dürfen. „Ibiza hat so viel Geld, aber viel zu wenig für den Tierschutz übrig“, klagt Petra. „Damit könnte die reiche Promi-Insel ihr anderes Gesicht zeigen, mit einem Vorzeige-Tierheim ihr Image aufpolieren und zeigen, dass Tierschutz auch für sie keine hohle Phrase ist“, so die Tierschützerin. Damit endlich Schluss ist mit Guantanamo, dem Elend und Chaos auf Can Dog. Utopie oder schöne Zukunft? Darüber müssen die Rathäuser und die Inselregierung entscheiden.

(* Petra, Renate und Uschi haben wir drei Ex-Can-Dog-Volontärinnen genannt, deren richtige Namen der Redaktion natürlich bekannt sind und die uns die Richtigkeit ihrer Schilderungen schriftlich bestätig haben. Sie alle fürchten Repressalien durch die Can Dog-Verantwortlichen oder befürchten, nichts mehr für die Tiere in Can Dog tun zu können, wenn ihre wahren Namen bekannt würden.) 

Ortsbesuch mit Widersprüchen

IbizaHEUTE besuchte Can Dog und sprach mit dem Chef Pepe Aranda, um sich selbst ein Bild zu machen und den Besitzer mit den im Raum stehenden Vorwürfen zu konfrontieren. Bei dem langen Gespräch mit Rundgang durch das weitläufige Gelände zeigte sich einerseits Erwartetes, andererseits traten auch zahlreiche Widersprüche auf.

Zum ersten hatte Pepe Aranda vergessen, dass wir zum Interview verabredet waren. Indiz dafür, was alle befragten Insider bestätigen: Der 80-Jährige leidet höchstwahrscheinlich an Demenz. Zweitens wollte er unsere Informantin, die uns begleitete, des Hofes verweisen (was wir verhinderten). Indiz dafür, dass er Kritiker nicht akzeptiert und vor allem nicht dabei haben möchte, wenn er, wie Insider uns vorbereiteten, „seine übliche Show abzieht“.

Und die besteht darin, Besuchern nur die Schokoladenseiten seiner Anlage zu zeigen. „Guantanomo“ und andere wenig vorteilhafte Stellen bekamen wir nicht zu sehen. Dafür präsentierte sich der alte, gehbehinderte Mann, der nach vielen Operationen nach eigener Aussage „ein halbes Kilo Titan im Körper hat“ und die Strecke hauptsächlich mit seinem Elektro-Rollstuhl zurücklegte, als wahrer Tierfreund: Er betrat die Käfige, koste und küsste die Hunde, versuchte mit ihnen zu spielen. Und während die Volontäre und Kritiker schon lange nicht mehr auf Can Dog fotografieren dürfen, hatte er bei diesem Rundgang überhaupt nichts dagegen. Im Gegenteil: Zum krönenden Abschluss legte er IbizaHEUTE-Reporter Roland Flier seine Python-Schlange, die seit vielen Jahren in einem kleinen Terrarium liegt, in die Arme und forderte auf, Fotos davon zu machen. Seine „übliche Masche“, um Besucher „einzulullen“, so unsere Begleiterin.

Im Gespräch bestritt der Mann, der in seinem Leben sicher auch einiges Gutes für die Tiere auf Ibiza getan hat und sich bestimmt auch sicher ist, dies immer noch zu tun, alle Vorwürfe, relativierte sie und spielte sie herunter, wo sie nicht gänzlich abzustreiten waren. Schlingenseile seien in Spanien absolut üblich, um Neuankömmlinge durch Zuziehen der Kehle zu bändigen. Über den Boden geschleift habe er sie aber nicht. Die Tiere (auch Katzen und Ziegen befinden sich dort) bekämen genug Wasser und Futter, die Ställe und Zwinger seien immer sauber. Der Vertrag mit Santa Eularia sei nur wegen administrativer Fehler, also einiger fälschlicher Angaben in den Papieren, aufgekündigt worden. Die anhängigen Verfahren spielte er herunter; von einigen gab er vor, nichts davon zu wissen. Auf unsere Frage nach der Bilanz und den Finanzen seiner S.L. behauptete er, mit der Firma nichts zu verdienen.

Und wie auf Bestellung kam bei unserer Verabschiedung eine reiche Französin mit ihrem Chauffeur in einem 300.000 Euro-Mercedes-Geländewagen, um ihren kleinen Liebling in Pension zu geben. Pepe umgarnte die Frau und zeigte sich und seine Ranch von ihrer besten Seite. Die Frau ließ den Hund da, der Chauffeur brauste mit ihr davon und unsere Begleiterin sagte leise: „Der arme Hund”.

Text: Roland Flier IbizaHeute


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