Der große Spanien-Überlebensguide

Warum ich als Deutscher in Spanien gegen Stierkampf schreibe

Für viele Menschen in Deutschland wirkt der Stierkampf wie ein Relikt aus einer fernen Welt – kaum relevant im Alltag, kaum präsent in den Medien. Wer jedoch nach Spanien auswandert, wird rasch mit dieser Tradition konfrontiert, ob man dies möchte oder nicht. Dank digitaler Medien lässt sich das Geschehen in der Arena nachvollziehen, ohne je selbst dort gewesen zu sein. Und genau wie ein Gericht ein Verbrechen beurteilen kann, ohne die Tat live mitzuerleben, lässt sich auch über den Stierkampf berichten, ohne im Publikum zu sitzen.

In Spanien wird das Quälen und Töten von Tieren straffrechtlich grundsätzlich als Vergehen betrachtet – mit einer Ausnahme: dem Stierkampf. Doch diese Ausnahme wackelt: Rund 70 % der Bevölkerung lehnen die Praxis heute weitgehend oder vollständig ab. Die Frage ist also nicht, ob sich etwas ändern kann, sondern wann die gesellschaftliche Mehrheit aktiv genug wird, um politischen Druck aufzubauen.

Passivität nützt nur der Tradition

Ablehnung in Umfragen allein reicht nicht aus. Wer den Stierkampf überwunden sehen möchte, braucht Engagement:
– Kommentare gegen Stierkampf unterstützen oder selbst verfassen
– politische Alternativen wählen
– sich online vernetzen
– an Demonstrationen teilnehmen

Nur so kann eine Tradition, die ohnehin von Jahr zu Jahr an Rückhalt verliert, endgültig aus dem öffentlichen Leben verschwinden.

Wie ich in Spanien mit der Realität des Stierkampfs konfrontiert wurde

Als ich 2022 nach Spanien auswanderte, war Stierkampf für mich ein abstraktes Thema. Das änderte sich ein Jahr später mit meinem Umzug nach Vera (Almería) – eine Stadt mit eigener Stierkampfarena. Plötzlich wird die Tradition sichtbar:
– Die Arena dominiert das Stadtzentrum
– Lokale Facebook-Seiten diskutieren sie regelmäßig
– In Bars laufen Übertragungen im Fernsehen

Der öffentliche Raum zeigt, wie polarisierend das Thema in Spanien ist. Während 34,7 % der Bevölkerung den Stierkampf als Tradition bewahren möchten, unterscheiden sich die Einstellungen je nach Region, Alter, Geschlecht und Bildungsniveau deutlich.

Besonders auffällig ist, dass selbst Menschen, die den Stierkampf kritisch sehen, ihn manchmal als kulturelle Verpflichtung betrachten. Doch diese Sichtweise beruht oft eher auf sozialem Druck als auf echter Überzeugung.

Warum ich mich persönlich engagiere – ohne persönlich zu werden

Ich lebe selbst tierfreundlich, aber ohne Haustiere. Ich esse keine Tiere, und selbst Insekten trage ich lieber nach draußen, statt sie zu töten. Doch mein Engagement richtet sich nicht nur gegen das Leid der Tiere, sondern auch gegen die gesellschaftliche Begeisterung, die diese Gewalt begleitet.

Problematisch ist zudem die Dynamik in sozialen Netzwerken: Angriffe, Häme und persönliche Beleidigungen treffen viele, die sich kritisch äußern – nicht nur Ausländer.

Ebenso irritierend ist der politische Umgang: Einige Lokalpolitiker setzen auf Stierkampf, selbst wenn er gesellschaftlich umstritten ist, und ignorieren gleichzeitig Empfehlungen von Organisationen wie UNICEF zu Kinderrechten.

All dies hat mich dazu bewegt, mein Buch „TAUROMAQUIA ¿valiosa o despreciable?“ zu veröffentlichen – ein Beitrag zur öffentlichen Debatte, der aufklären, nicht provozieren soll.

Warum dieser Text wichtig ist – und warum jetzt

Stierkampf ist heute weniger denn je ein Symbol nationaler Identität. Er ist ein Konfliktthema zwischen Tradition, Ethik und moderner Gesellschaft. Wer Spanien liebt, kann kritisch sein – und muss dennoch nicht gegen das Land sprechen.

Es geht nicht darum, Kultur abzuschaffen. Es geht darum, Gewalt zu beenden.

Gastbeitrag von Alfred Seif

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