Madrid hat Geschäftsräume im Zentrum in kostenpflichtige Toiletten umgewandelt

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Toiletten Madrid
ID 158733716 © Jan Stevens | Dreamstime.com

Die zunehmende Touristifizierung prägt das Stadtbild – eine Entwicklung, die nicht neu ist und die Einwohner von Städten mit hohen Besucherzahlen wie Barcelona, Madrid oder Palma am eigenen Leib erfahren. Die steigende Anzahl an Ferienwohnungen treibt die Immobilienpreise in die Höhe, befeuert die Gentrifizierung zentraler Viertel und verändert das Gewerbe, wie Málaga bereits feststellen musste. In Madrid droht jedoch eine weitere Entwicklung: Die Stadt gleicht zunehmend einem Musikfestival. Erste Anzeichen dafür sind die Verbreitung von Schließfächern für Touristen und die Umwandlung von Geschäftsräumen in Toiletten.

Trends, wie die Touristifizierung einer Stadt, entwickeln sich schleichend und kumulativ. Dennoch gibt es immer wieder prägnante Beispiele, die sinnbildlich für diese Entwicklung stehen. Ein aktuelles Beispiel aus Madrid verdeutlicht dies: In einer zentralen, touristisch geprägten Gegend wurde eine ehemalige Bankfiliale in eine öffentliche Toilette umgewandelt.

Der Stadtplaner und sozialistische Bürgermeister von Madrid, Antonio Giraldo, kommentierte diesen Fall kürzlich auf X (ehemals Twitter), was prompt die Aufmerksamkeit von Medien und sozialen Netzwerken erregte. In der Nähe der Plaza Mayor, einem touristischen Hotspot, befindet sich nun diese Toilette im Erdgeschoss eines Gebäudes an der Plaza de San Miguel. Gegen einen Euro erhält man Zutritt. Das Unternehmen präsentiert sich mit einem großen “WC”-Schild, einem Drehkreuz, einem Kartenlesegerät, einer Preistafel und der üblichen Ausstattung: Kabinen, Toiletten, Mülleimer, Toilettenpapierspender und Waschbecken. Laut elDiario.es umfasst die Fläche 273 m², wobei es sich eigentlich um zwei Räumlichkeiten handelt, von denen eine noch geschlossen ist.

Die Toilette steht sowohl Anwohnern als auch Touristen zur Verfügung. Die Lage, direkt am Ausgang des Mercado de San Miguel und nahe der Plaza Mayor, ist jedoch bezeichnend. Nur wenige Gehminuten entfernt befinden sich mehrere öffentliche und kostenlos zugängliche Toiletten, deren Instandhaltung, wie die Stadtverwaltung betont, durch Werbung finanziert wird.

Früher Bankfiliale, heute Toilette – beide Räumlichkeiten dienten der Bereitstellung von Dienstleistungen, wenn auch unterschiedlicher Art. Die entscheidende Frage ist jedoch: Wer nutzt eine Bankfiliale und wer eine öffentliche Toilette? Giraldo selbst weist auf diesen zentralen Punkt hin: “Eine Bankfiliale dient den Einwohnern, insbesondere älteren Menschen. Ich kritisiere nicht die Toiletten an sich, sondern die Umwandlung von Geschäften hin zu touristischen Dienstleistungen zum Nachteil der Madrider Bevölkerung. Souvenirläden, Touren, Schließfächer…”, mahnt er. Dieses Phänomen beschränkt sich nicht nur auf Madrid.

Auch Málaga spricht in einem offiziellen Dokument von einer “beispiellosen Sättigung” durch den Tourismus und äußert sich kritisch zu den Folgen. “Der Massentourismus kann zur Verbreitung minderwertiger gastronomischer Betriebe führen, was das Erlebnis sowohl für Touristen als auch für Einheimische verschlechtert”, heißt es in dem Bericht. Die Gefahr der Verdrängung lokaler Unternehmen durch Souvenirläden und andere touristisch orientierte Geschäfte wird ebenfalls hervorgehoben. Ähnliche Entwicklungen sind auch in anderen touristischen Destinationen wie Amsterdam zu beobachten.

Die Umwandlung der Bankfiliale in eine Toilette ist nur ein Beispiel für die zunehmende Ausrichtung des Madrider Stadtbildes auf den Tourismus. Zahlreiche Souvenirläden und Gepäckaufbewahrungen konzentrieren sich auf die Bedürfnisse von Reisenden. Spezialisierte Ketten expandieren in den meistbesuchten Städten Spaniens wie Madrid, Barcelona, Valencia und Málaga. Auch Geschäfte, die den Check-in in Airbnb-Wohnungen erleichtern, sind im Stadtbild präsent.

Auch die Hotellerie bleibt von diesem Trend nicht unberührt. Ein Bericht der Fedea aus dem Jahr 2024 analysiert die Auswirkungen der Umwandlung historischer Gebäude in Hotels. Die Studie zeigt positive Effekte auf Wirtschaft und Beschäftigung, spricht sogar von einer “deutlichen wirtschaftlichen Belebung”. Allerdings profitieren nicht alle Branchen gleichermaßen. “Die positiven Auswirkungen sind nicht homogen. Tourismusnahe Branchen und der Dienstleistungssektor, wie Restaurants, Mode- und Souvenirläden, profitieren, während traditionelle Gewerbe aus den Stadtzentren verdrängt werden”, resümiert der Bericht.

Die Studie zeigt außerdem, dass die Eröffnung von Hotels vor allem Unternehmen mit finanzstarkem Hintergrund gegenüber Selbstständigen begünstigt. Es wird sogar von einer “Verdrängung lokaler Bars und Restaurants” zugunsten von Ketten und Filialisten gesprochen.

Besonders deutlich zeigt sich die Touristifizierung im Wohnungsmarkt. Ende 2024 zählte das INE fast 17.300 Touristenwohnungen in Madrid, davon rund 7.300 im zentralen Bezirk 1 (Centro). Daten von Airbnb aus dem Jahr 2013, bereitgestellt von Fravm, deuteten auf ein noch höheres Angebot auf dieser Plattform hin. Die Stadtverwaltung hat Maßnahmen ergriffen, um das Angebot zu kontrollieren. Ähnliche Maßnahmen zur Eindämmung der unkontrollierten Ausbreitung von Ferienwohnungen wurden auch in Barcelona, Valencia, Málaga und Santiago de Compostela umgesetzt. Die spanische Regierung widmet diesem Thema besondere Aufmerksamkeit, da Ferienwohnungen nicht nur das Wohnungsangebot verknappen, sondern Studien zufolge auch die Mietpreise für traditionelle Wohnungen um mehr als 30 % erhöhen.


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