Wenn man an die Landschaft Galiciens denkt, kommen einem sofort Bilder von zerklüfteten Küsten, grünen Wiesen und dichten atlantischen Wäldern in den Sinn. Doch kaum jemand verbindet diese Region im Nordwesten Spaniens mit weitläufigen Olivenhainen. Dabei war Galicien jahrhundertelang ein Land, in dem einzigartige Olivensorten gediehen. Die tief verwurzelte Verbindung zu den Olivenbäumen, die mindestens bis zu den Römern zurückreicht, ist heute fast in Vergessenheit geraten. Was genau zu diesem Niedergang führte, bleibt bis heute ein packendes Rätsel für Historiker und Forscher.
Spurensuche in der Geschichte: Römisches Erbe und einzigartige Sorten
Die Geschichte des Olivenanbaus in Galicien ist reich und hat Spuren hinterlassen, die bis in die Zeit des römischen Gallaecias führen. Archäologische Funde, wie eine römische Ölpresse, die Mitte des letzten Jahrhunderts in Vigo entdeckt wurde, sind stumme Zeugen einer blühenden Ölproduktion. Es wird vermutet, dass aus dieser Region im zweiten und dritten Jahrhundert erhebliche Mengen Öl nach Rom geliefert wurden.
Doch nicht nur archäologische Artefakte erzählen diese Geschichte. Hunderte von Ortsnamen in der gesamten Region, die Begriffe wie “Olive”, “Olivenhain” oder “Öl” enthalten, zeugen von der einstigen Bedeutung dieses Anbaus. Zudem hat die Forschung des CSIC (Consejo Superior de Investigaciones Científicas) eine erstaunliche Entdeckung gemacht: In Galicien existieren rund zwanzig einheimische Olivensorten, die weltweit einzigartig sind und perfekt an das lokale Klima und den Boden angepasst waren.
Warum verschwanden die Olivenbäume? Ein historischer Krimi
Trotz dieser idealen Voraussetzungen und einer langen Tradition stellt sich die drängende Frage: Warum verlor der Olivenanbau in Galicien an Bedeutung? Warum entwickelte sich die Region nicht, ähnlich wie der Süden Spaniens, zu einem Zentrum der Olivenölproduktion? Die Antworten sind vielschichtig und speisen sich aus Legenden, politischen Intrigen und wirtschaftlichen Realitäten.
Eine weit verbreitete Theorie macht die Katholischen Könige, Ferdinand II. von Aragón und Isabella I. von Kastilien, verantwortlich. Nach der Niederschlagung des Irmandiños-Aufstandes und der Festigung ihrer Macht sollen sie gezielte steuerliche Maßnahmen ergriffen haben, um die galicische Aristokratie zu bestrafen und gleichzeitig die Kultivierung von Ländereien im frisch zurückeroberten Süden der Halbinsel zu fördern. Es war Teil einer Politik, die der Intellektuelle Castelao als “Zähmung und Kastration Galiciens” bezeichnete.
Der Graf von Olivares und die Last der Steuern
Ein weiterer Name, der in diesem Zusammenhang immer wieder fällt, ist der des mächtigen Grafen und Herzogs von Olivares, Günstling von König Philipp IV. Ihm wird nachgesagt, eine erdrückende Steuer von vier Reales pro Olivenbaum erhoben zu haben. Diese Abgabe soll die galicischen Bauern in den Ruin getrieben haben, während sie gleichzeitig die riesigen Olivenplantagen des Grafen in Sevilla begünstigte. Die Konsequenz: Unzählige Olivenbäume fielen der Axt zum Opfer, da ihr Unterhalt schlicht unrentabel wurde.
Eine komplexere Wahrheit hinter dem Niedergang
Doch Historiker wie Lourenzo Fernández warnen vor allzu einfachen Erklärungen. Er argumentiert, dass eine komplexe Kombination von Faktoren zum Niedergang führte. Seiner Meinung nach fehlten in Galicien die sozialen, kommerziellen und klimatischen Rahmenbedingungen für eine großflächige Expansion, wie sie in anderen Teilen Spaniens stattfand.
Das Gewicht der Kleinbetriebe (Minifundios), die Spezialisierung auf eine atlantische Landwirtschaft und das Aufkommen neuer, profitablerer Feldfrüchte wie Kartoffeln und Mais spielten ebenfalls eine entscheidende Rolle. Die Wahrheit liegt also wahrscheinlich nicht in einer einzigen Entscheidung eines Monarchen, sondern in einem komplexen Geflecht aus Politik, Wirtschaft und landwirtschaftlichem Wandel, das das Schicksal der galicischen Olivenhaine besiegelte.
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