Die Welt der Geopolitik findet sich manchmal in den unscheinbarsten Objekten wieder – aktuell in einer simplen Thunfischdose. Eine weitreichende Neuausrichtung der US-Handelspolitik im Jahr 2025 hat die globalen Spielregeln für den Thunfischmarkt neu geschrieben und zwei der größten Konkurrenten, Spanien und Thailand, in fundamental unterschiedliche Positionen manövriert. Während thailändische Produkte nun mit einem empfindlichen Zoll von 19 % beim Import in die Vereinigten Staaten belegt werden, profitieren spanische Erzeuger von einem vergleichsweise moderaten Satz von 15 %. Eröffnet dieser 4-Prozent-Vorteil den spanischen Konservenherstellern eine goldene Gelegenheit, entscheidende Marktanteile auf amerikanischem Boden zu erobern?
Die Sorge vor der thailändischen Flutwelle in Europa
Trotz der vielversprechenden Aussichten auf dem US-Markt überwiegt in der spanischen Konservenindustrie die Sorge. Die Befürchtung ist, dass Thailand, der weltweit größte Exporteur von Thunfischkonserven, seine durch die US-Zölle blockierten Warenströme auf den europäischen Markt umleiten wird. Dies würde den Preisdruck auf die heimische Industrie massiv erhöhen.
Roberto Alonso, Generalsekretär des Branchenverbands Anfaco-Cytma, schlug bereits Alarm: “Unser globaler Konkurrent Thailand sieht sich einem 19-prozentigen Zoll in den USA gegenüber. Wir müssen davon ausgehen, dass sie versuchen werden, all diese Exporte nach Europa umzuleiten.” Diese Warnung äußerte er nach einem Treffen mit Wirtschaftsminister Carlos Cuerpo und Landwirtschaftsminister Luis Planas. In diesem Gespräch forderte der Verband “maximale Wachsamkeit und Kontrolle unseres Marktes”, um die Einhaltung der hohen europäischen Standards zu gewährleisten.
Unlauterer Wettbewerb und illegale Fischerei
Die Sorgen der Branche werden durch die laufenden Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Bangkok weiter befeuert. Die spanischen Hersteller fordern vehement, den Konservensektor von diesem Abkommen auszunehmen. Sie argumentieren, dass die thailändische Flotte “international führend” in der illegalen Fischerei sei, was zu ungleichen Wettbewerbsbedingungen führe. “Es mangelt an gleichen Wettbewerbsbedingungen”, so der Vorwurf von Anfaco-Cytma, das offen von unlauterem Wettbewerb spricht. Es dürfe nicht sein, dass zollpolitische Verschiebungen auf dem Weltmarkt am Ende zu Lasten der europäischen Produzenten gehen, die sich an strenge Umwelt- und Arbeitsvorschriften halten.
Ein ungenutztes Potenzial auf dem US-Markt?
Doch was ist, wenn der Fokus auf die Risiken den Blick auf eine immense Chance verstellt? Der amerikanische Markt bleibt für Spaniens Hersteller “außerhalb der Europäischen Union eine Priorität”, wie Anfaco-Cytma betont. Die Zahlen belegen das vorhandene Potenzial: Laut Daten des Landwirtschaftsministeriums exportierte Spanien im Jahr 2024 Thunfischkonserven im Wert von lediglich 2,70 Millionen Euro in die USA. Dies steht in starkem Kontrast zu den weltweiten spanischen Exporten von Thunfischkonserven in Höhe von 151,56 Millionen Euro, die hauptsächlich nach Italien, Frankreich und Portugal gingen.
Thailand exportierte hingegen allein in der ersten Jahreshälfte 2025 Thunfischkonserven im Wert von über 260 Millionen Euro in die USA. Obwohl dies nur eine leichte Steigerung gegenüber dem Vorjahr darstellt, zeigt es die Dimensionen, in denen sich der thailändische Handel bewegt. Interessanterweise stiegen die thailändischen Exporte in die Europäische Union im selben Zeitraum bereits um 15 % auf knapp 48 Millionen Euro. Dies könnte ein erstes Anzeichen für die befürchtete Marktverlagerung sein.
Für Spanien bedeutet die neue Zoll-Arithmetik eine klare Chance. Der preisliche Vorteil von 4 % könnte genau der Hebel sein, um die bisher bescheidenen Exportzahlen in die USA signifikant zu steigern und einen größeren Teil des riesigen amerikanischen Marktes für sich zu erschließen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob Spaniens Thunfischindustrie diese geopolitische Steilvorlage nutzen kann oder ob sie sich vorrangig gegen eine Importwelle aus Südostasien verteidigen muss.
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